21 - 09 - 2017

Freiwillige Feuerwehr Oldenburg Stadtmitte. Eine ideale Idee seit 1862.

 

Bürgerinitiative seit 150 Jahren

Brände gab es zu allen Zeiten. Durch Feu­erlöschordnungen werden die Bürger ver­pflichtet, bei Bränden Hilfe zu leisten. Mit zunehmender Organisation des Löschwe­sens entstehen daraus Pflichtfeuerwehren als feste Strukturen mit Mannschaften aus dienstverpflichteten Bürgern. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt im Bürgertum der Gedanke auf, selbst für das Gemein­wohl initiativ zu werden und notwendige öffentliche Aufgaben, wie das Löschwesen freiwillig eigenständig organisiert zu über­nehmen. Dies erwächst weniger aus der reinen Notwendigkeit einer Verbesserung des Löschwesens, sondern vor allem aus den gesellschaftlichen und politischen Verhält­nissen der damaligen Zeit und ist bis heute wegweisend für die Entwicklung der bürger­lichen Gesellschaft und des Gemeinwohls.

 

Der lange Weg vom Ideal zum Idealen

Nach dem Ende der Herrschaft Napoléons über weite Teile Europas 1815 sind die eu­ropäischen Herrschaftshäuser bestrebt, ihre alte Macht wiederherzustellen. Deutsch­land ist ein Flickenteppich kleiner, lose im Deutschen Bund zusammengeschlossener Monarchien. In den Menschen wächst der Wunsch nach einem vereinigten freiheitlich-demokratischen deutschen Nationalstaat mit einheitlicher Verfassung. Den deutschen Demokraten gelingt die Durchführung freier Wahlen in allen deutschen Staaten zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung, die 1848 in Frankfurt am Main zusammen tritt. Die Einführung dieser wegweisenden Verfassung und damit der Nationalstaat scheitert am Widerstand der deutschen Monarchen. Preußische und österreichische Truppen schlagen die bürgerliche Revoluti­on nieder. 1859 erwacht ausgelöst durch die italienische Einigungsbewegung ein neues Nationalgefühl.

 Die überall aufkommende Turnsportbewe­gung bietet auf großen nationalen Turnfe­sten die Möglichkeit, dieses Gefühl unmit­telbar zu erfahren. Die Turnvereine sind Orte gelebter bürgerlicher Demokratie. Die Tur­ner sehen sich als Bürger des angestrebten zukünftigen deutschen Staates, womit auch staatsbürgerliche Pflichten wie die Wehr­pflicht verbunden sind. Entsprechend ist bei Gründung des Oldenburger Turnerbundes (OTB) 1859 die „Wehrhaftmachung seiner Mitglieder durch Turn und Wehrübungen“ sein satzungsmäßiger Zweck, seine Farben schwarz-rot-gold das Bekenntnis zu Einig­kei, Recht und Freiheit. Der OTB sei „keine Vergnügungsanstalt“, sondern ein Verein mit „ernsten Zwecken“ formuliert der OTB Vorsit­zende Georg Propping 1864.

121861 regt der damalige Stadtdirektor Wöb­ken an, neben der städtischen Pflichtfeuer­wehr zusätzlich eine Freiwillige Feuerwehr einzurichten, da es der Pflichtfeuerwehr für eine wirksame und schnelle Brandbekämp­fung an Ausbildung und Übung fehle. Die Möglichkeit, als Staatsbürger für die Allge­meinheit selber aktiv werden zu können und teils in Uniform hoheitliche Aufgaben selber übernehmen zu können, passt in Oldenburg wie andernorts zu den Idealen der Turner. Nachdem Wöbken die Feuerversicherer da­zu gewinnt, Ausrüstung und Gerät zu finan­zieren, erklärt sich der OTB bereit, die neue Wehr aufzustellen, deren Gründung dann am 30. April 1862 erfolgt. Die Turner finden in erstrebter demokratischer Ordnung im Feuerlöschwesen einen idealen Tätigkeits­bereich, wo sie Demokratie und Bürgersinn verwirklichen können und Mitmenschen und Vaterland unter anderem mit ihrer kör­perlichen Fitness hilfreich sind.

Mit Gründung der Turnerfeuerwehr als erster freiwilliger Feuerwehr der Stadt Oldenburg wird der erste Schritt weg von einer allge­meinen Löschpflicht für jedermann hin zu einer Übertragung des städtischen Lösch-und Rettungswesens an eine professionelle, spezialisierte, gut ausgebildete und jederzeit einsatzbereite Gruppe uniformierter Freiwil­liger getan. Herausragende Führungskräfte der Wehr sind Hofuhrmachermeister Wieb­king sowie der Versicherungsdirektor Gustav von Gruben, die 1882 auch maßgeblich an der Gründung des Oldenburgischen Feuer­wehrverbandes als Verband der selbststän­dig organisierten Feuerwehren des Herzog­tum Oldenburg beteiligt sind, der sich vor allem die Verbesserung der Leistungsfähig­keit der Feuerwehren zum Ziel gesetzt hat.

Die Gesinnung der Turner wird auch an der Turnjacke als Uniform deutlich. Wie Conrad Magirus über das deutsche Feuerwehrwe­sen 1877 schreibt, habe zur damaligen Zeit auf Grund der politischen Zustände eine allgemeine Abneigung gegen den militä­rischen Uniformrock „mit blanken Knöpfen“ geherrscht. Der Bürgerstand habe eine An­tipathie gegen „alles Militärwesen“ gehabt und „keinen Soldatenrock“ tragen wollen, was in der Niederschlagung der deutschen Revolution 1849 mit Hilfe der Heere Preu­ßens und Österreichs begründet ist. Nach dem deutsch-französischen Krieg und der Gründung des Kaiserreichs 1871 ändert sich dies fundamental. Die Militarisierung ergreift das Volk auf breiter Front. Auch die Turner­feuerwehren übernehmen bewusst Uniform und Umgangsformen von militärischen Vor­bildern. Die unkritische Verehrung von Kai­ser und Militär prägt das bürgerliche Leben. Bei Beginn des ersten Weltkrieges herrscht auch in Oldenburg Kriegsbegeisterung.

In den Jahren nach 1918 bleiben trotz des verlorenen Krieges und des enormen Blutzolls die Sinnlosigkeit des Krieges und der verirrte Nationalismus unerkannt, werden die militärischen Umgangsformen nicht abgelegt und führen direkt in die Unterstützung des Nationalsozialismus. Die Feuerwehren werden ein Teil der Polizei und geraten damit unter die Kontrolle Himmlers, Reichsführer der SS und Chef der deutschen Polizei. Der Tiefpunkt dieser Entwicklung ist in Oldenburg zweifellos am frühen Morgen des 10. November 1938 erreicht, als die von der SA in Brand gesteckte Synagoge und die angrenzende Schule der Oldenburger jü­dischen Gemeinde an der Peterstraße unter Kontrolle der Feuerwehr niederbrennen, die sich gemäß den Anweisungen des SA Kreis­leiters auf den Schutz der Nachbargebäude beschränkt.

Erst mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 kann das Ideal eines ehrenamtlichen bürgerschaftlichen Enga­gements in hoheitlichen Aufgaben eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats endlich verwirklicht werden.

 

Initiative trägt unsere Gesellschaft

xZum Jubiläum feiern wir insbesondere den Erfolg, nur auf der Basis von Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit seit nunmehr 150 Jahren die ständige Einsatzbereitschaft einer gut ausgebildeten Feuerwehr für die Bür­gerinnen und Bürger der Stadt Oldenburg sicherstellen zu können. Ehrenamtliches En­gagement hat sich in Deutschland zu einer Tradition entwickelt, die es überhaupt erst möglich macht, gemeinnützige Aufgaben auch langfristig ehrenamtlich erfüllen zu können, die sonst nicht finanzierbar wären. Ein wirksamer Bevölkerungsschutz zählt dazu. Größere Schadenslagen sind ohne Rückgriff auf eine größere Zahl in kürzester Zeit einsatzbereiter qualifizierter, freiwilliger Einsatzkräfte ausgerüstet mit modernen Einsatzmitteln nicht angemessen zu bewäl­tigen. Länder ohne gewachsene Freiwilli­gensysteme zeigen, wie schwierig es ist, die Bevölkerung für eine dauerhafte ehrenamt­liche Mitwirkung neu zu gewinnen. Daran wird der besondere Wert gewachsener ehrenamtlicher Strukturen deutlich, die es seitens der Politik und der Gesellschaft durch geeignete Rahmenbedingungen wie ausreichende zeitliche Freiräume für das Ehrenamt in Schule, Studium, Ausbildung und Beruf zu erhalten gilt.

 

Eine neue Ära in der Tradition der Gründer

Zu Beginn des Jubiläumsjahres hat die Feuerwehr Stadtmitte nach 150 Jahren ihren angestammten Standort in der Stadtmitte verlassen und zusammen mit der Berufsfeu­erwehr die neue Feuer- und Rettungswache 1 im Stadtteil Bürgerfelde bezogen. Auch am neuen Standort bleiben die 28 Feuerwehrleute unter Leitung von Orts­brandmeister Jens Bräuer ihrer Tradition verbunden.

Demokratie, Bürgersinn und ehrenamtliches Engagement haben in einem Europa der Bürgerinnen und Bürger nichts an Aktualität verloren. Die Freiwillige Feuerwehr Stadt­mitte wird als moderne, leistungsfähige, ehrenamtliche Feuerwehr den Idealen ihrer Gründer folgend diese Werte auch in Zukunft repräsentieren und ihren Beitrag für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger in der Stadt Oldenburg leisten.

 

 

 

 

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